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INTERVIEW MIT EDWARD BROWN

Edward Brown

EDWARD BROWN: Mit 19, 20 Jahren fing ich an, jeden Tag zu kochen. Es machte mir viel Spaß, es hatte etwas Direktes, Klares. Wir machen so viel in unserem Leben, das rein intellektuell ist. Ich war in der Schule mit all ihren mentalen Machtspielen nicht sehr glücklich, so sollte mein Leben nicht aussehen: Zeig mir, was du gelernt hast, was du kannst. Das war nicht sehr befriedigend. Erst als ich anfing zu kochen, hat mir etwas richtig Spaß gemacht.

Ist Intuition für das Kochen wichtig?

EDWARD BROWN: Ja, sicherlich. Aber ich kenne auch den Geschmack von vielen Gewürzen, Nahrungsmitteln und ermutige meine Schüler, sich den Geschmack von möglichst vielen Nahrungsmitteln einzuprägen. Wenn sie Speisen zusammenstellen, benutzen sie diese Informationen. Im Grunde basiert meine Intuition auf sorgfältiger Beobachtung und Betrachtung verschiedener Nahrungsmittel.

Da sind wir schon beim Thema, bei der Haltung, die Sie mit dem Kochen ausdrücken. Kochen als Zen-Praxis, als Metapher für Aufmerksamkeit und Ernährung – von sich und anderen.

EDWARD BROWN: Wenn man kocht und mit ganzem Herzen dabei ist, mit allen Sinnen, dann schmeckt man das. In Tassajara kochen die Zen-Studenten, sie sind keine Kochkünstler, aber sie machen ihre Arbeit mit Liebe und Achtsamkeit. Und dann schmeckt das Essen gut. Sie sind sorgfältig, bewusst, und wenn man Nahrungsmittel so behandelt, dann zeigen sie das Herz desjenigen, der sie bearbeitet. Gute Eltern geben ihren Kindern Zustimmung, Liebe, Unterstützung und Sorgfalt. Die Kinder fühlen sich geliebt und wachsen gut heran.

Es kommen viele Menschen zu Ihren Kochlektionen, nach was suchen sie?

EDWARD BROWN: Als ich 1985 anfing, diesen Kochunterricht zu machen, hatten wir viel Spaß, kochten zusammen, und ich erzählte viele Geschichten. Die Zeit verging, und heute reden manche Menschen ungeheuer viel während des Kochunterrichts und ich frage mich: Warum sind sie eigentlich hier und wie wollen sie etwas von mir lernen, wenn sie die ganze Zeit nur reden? Das Ziel unserer westlichen Lebensweise ist es, so wenige Beziehungen wie möglich zu haben. Ich meine damit, möglichst frei und unbehelligt und ohne Verantwortung durch sein Leben zu gehen. Die Strafe dafür ist unsere immer größer werdende Entwurzelung und Einsamkeit – durchs Kochen für andere überwindet man Einsamkeit und kann seine Wurzeln wieder finden.

Wie sehen Sie unsere Zeit, wie geht sie mit dem Essen um und mit dem Kochen?

EDWARD BROWN: Offensichtlich ist ja, dass hier in den USA die Handarbeit nicht mehr zählt. Und das nicht nur beim Kochen. Auch der Tischler, der Mechaniker, der Installateur, der Bauer, der Gärtner, die Näherin sind davon betroffen. Ihre Tätigkeiten, ihr Können wurde entwertet. Wir selbst haben keine Zeit mehr dafür. Wir müssen Geld verdienen, dabei sind alle diese Tätigkeit äußerst befriedigend. Wenn die Menschen heute mehr von diesen einfachen handwerklichen Tätigkeiten tun würden, gärtnern, nähen, kochen, würde sie das erfüllen und ihnen Kraft geben. Handarbeit ernährt uns. Egal, ob es Kochen ist oder Gärtnern, man fühlt sich verbunden mit der Welt, mit den Dingen, weil man sich um Dinge kümmert, die zur Welt gehören. Wenn man heute erfolgreich ist, hat man einen Koch, eine Putzfrau, man kauft sich seine Kleidung, es gibt jemanden, der das Essen einkauft, man putzt den Boden nicht, fasst keinen Besen an.

Zu was verliert man den Kontakt, wenn man so lebt?

EDWARD BROWN: Man hat keine Nähe mehr zur Welt, zu vielen Dingen in der Welt, daher fühlen sich die Menschen heute entfremdet. Ihre Beziehungen sind nicht mehr nah, sie haben keine wirklichen Freunde mehr. Ihr Leben ist nur noch geschäftig, sie haben viele Ängste, aber kaum noch Glück. Und dann wenden sie sich dem Entertainment zu. In den USA sehen viele Menschen bis zu sechs Stunden TV am Tag.

Allein.

EDWARD BROWN: Ja. Das zeigt eine Unfähigkeit, an Dingen teilzunehmen, und die Unfähigkeit, das Beste bei sich und bei anderen herauszuholen. Wenn man kocht, holt man das Beste aus den Nahrungsmitteln, um es anderen und sich selbst anzubieten. Wenn man fernsieht, dann passiert gar nichts – reiner Konsum. Es gibt sicherlich gutes Fernsehen, aber sechs Stunden lang!

Muss man Kochen lernen?

EDWARD BROWN: Ja, sicherlich. Aber – und das betont Meister Dogen – man muss auch neugierig sein, man muss es lernen wollen. Bevor man kochen lernt, muss man daran interessiert sein: Ich will wissen, wie es geht. Und dann, wenn man es wirklich will, studiert man es, findet mehr heraus. Dieser Wunsch, diese Begierde muss da sein, bevor man anfängt zu studieren, und dieser Wunsch trägt einen weiter.

Suzuki Roshi war Ihr Lehrer, braucht man einen Lehrer?

EDWARD BROWN: Nicht notwendigerweise. Ich glaube, ein Lehrer hilft einem dabei, den Lehrer in einem selbst zu finden. Der Lehrer hilft dir dabei, dem Teil in dir zu begegnen, der ein guter Schüler ist. Du öffnest dein Herz, deine Seele der Welt und dann lernst du. Ein Lehrer kann dir helfen, in deinen Wahrnehmungen sorgfältiger zu werden.

Hat es Ihnen Spaß gemacht, gefilmt zu werden?

EDWARD BROWN: Ja, sehr viel Spaß. Doris war sehr unterstützend und positiv während der Kochlektionen, und es ist sehr schön, mit ihr zu arbeiten. Es war ein dynamischer, gemeinsamer Prozess.

Wenn man Ihnen zuhört, dann sind überall Metaphern, etwa die alten Teekannen, die zerbeult und hässlich dennoch ihre Arbeit tun... Sind diese Metaphern „typisch Zen“?

EDWARD BROWN: Im Zen sieht man die Poesie in allen Dingen, eine Tiefe im Alltäglichen. Mein Lieblingsspruch in Dogens „Instructions for the Cook“ ist: “You let things come into your heart.”

Das Interview führte Kirsten Martins.

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