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Interview mit Doris Dörrie

Doris Dörrie

DORIS DÖRRIE: Ich habe Edward Brown in Tassajara kennengelernt, als ich dort unterrichtete. Mir hat imponiert, wie undogmatisch er kochte und das gleichzeitig mit der Zenlehre verband. Als ich Edward kochen sah, wollte ich sein Können einem breiteren Publikum zugänglich machen. Ich glaube, es kann jedem nützen – diese Aufforderung, sich vollkommen im Jetzt, in diesem Moment aufzuhalten und gleichzeitig auch mit dem Körper beim Kochen eine Verbindung zu diesem Moment zu haben. Das, finde ich, ist eine praktische Lebensanleitung, die einen auch nie verlassen wird, egal wie schlecht es einem geht. Diese Quintessenz bleibt einem immer zugänglich, wenn man sie einmal erklärt bekommt. Was mich wirklich überzeugt hat, ist, dass er auch Teenager erreicht, die keinen Zen-Hintergrund haben. Meine Tochter war damals 16 und fasziniert von ihm. Ich hab gedacht, da kriegt sie etwas, das sie von mir nur peripher bekommen hat. Ich dachte plötzlich darüber nach, was ich überhaupt noch kann, was meine Mutter gut konnte. Ich kann grade noch einen Gänsebraten machen, aber vieles andere ist bei mir schon verloren. Das heißt, was kriegt meine Tochter von mir eigentlich noch als Knowhow mit, um kochen zu können? Das bedeutet einen fundamentalen Kulturverlust.

Sie zeichnen in Ihrem Film auch ein Bild unserer Gegenwart in der Ersten Welt, anhand unserer Essensgewohnheiten und wie wir mit Nahrungsmitteln umgehen. Wie nehmen Sie die gegenwärtige Gesellschaft wahr?

DORIS DÖRRIE: Es bedrückt mich, dass wir im Überfluss leben und der Rest der Menschheit gar nichts hat. Es bedrückt mich, wenn ich Brot wegwerfe. Es ist kompliziert, eine bessere, gerechtere Verteilung zu finden - aber wir können vielleicht in unserer Küche eine andere Haltung finden.

Wie soll die Haltung aussehen?

DORIS DÖRRIE: Einen Respekt für Lebensmittel entwickeln, sich fragen, was es bedeutet, wenn ich ein billiges Schnitzel kaufe. Und da innezuhalten und nachzudenken – nicht nur über die allgemeine Fleischproduktion, sondern auch, was es bedeutet, dass ich mir selber so wenig wert bin, dass ich sage: Für dich ist Gammelfleisch gut genug.

Manche können sich nur Gammelfleisch leisten.

DORIS DÖRRIE: Es ist die Frage, ob ich unbedingt ein Schnitzel essen muss oder ob nicht vielleicht eine Avocado besser, gesünder und schöner ist. Gut essen muss nicht teuer sein, das ist ein Mythos. Gutes, gesundes Essen kann billig sein – wenn man es gelernt hat. Wenn man es nicht weiß, ist man verloren und greift automatisch zu vorgefertigten Produkten, die in der Herstellung viel Profit erzeugen und die auf den ersten Blick billiger erscheinen. Man muss nicht nur lernen, was Nahrungsmittel beinhalten, wir müssen auch wieder lernen, einen Respekt für die Lebensmittel und für uns selbst zu haben. Im Film fragt Edward Brown, wie viel ist dir Essen wert und fragt dann gleich weiter, wie viel bist du dir selber wert? Aber ich gebe zu, wenn ich müde nach Hause komme, möchte ich mich am liebsten auf die Couch hauen und Schokolade fressen. Mich dann aufzuraffen, und zu sagen: Okay, ich schäle jetzt drei Orangen und schneide zehn Radieschen klein – das kostet mich bestimmt zehn Minuten in der Küche – da muss ich mich auch überwinden. Wenn ich’s aber tue, bin ich hinterher viel zufriedener. Die schnelle Befriedigung von Bedürfnissen hat etwas Infantiles und eine Tafel Schokolade zu verschlingen, hält uns in einem infantilen Zustand.

Hängt der Respekt vor den Lebensmitteln auch mit einem Respekt für unsere Welt zusammen?

DORIS DÖRRIE: Wir haben gelernt, uns völlig abzuschneiden, wir denken nicht darüber nach, wo die Tomate, das Fleisch herkommt. Denken nicht darüber nach, wie die Dinge miteinander in Beziehung stehen. Ich glaube schon, dass man sich bewusst machen kann, dass die Tomate aus Spanien direkt mit den Flüchtlingsschicksalen von Afrikanern zu tun hat, die diese Tomaten für Hungerlöhne pflücken. Das ist auch das Training in Tassajara in der Küche: Wie sind wir mit allem verbunden, was bedeutet das Essen für uns? Wie kochen wir das Essen und wie kocht das Essen uns?

Wer ist der japanische buddhistische Lehrer in den schwarz-weißen Archivfilmszenen?

DORIS DÖRRIE: Das ist Suzuki Roshi, der Lehrer von Edward Brown. Er ist in den 60er Jahren aus Japan nach San Francisco gekommen. Eine wilde Hippietruppe hat sich in den Anfängen um ihn geschart, und sie haben dann unter anderem ein Zen Center in den Bergen Kaliforniens, in Tassajara, gegründet. Suzuki Roshi steht in der Tradition von Meister Dogen, der im 13. Jh. den Buddhismus aus China nach Japan gebracht hat. Morgens in der Küche in Tassajara wird heute noch der uralte Text von Meister Dogen, der Tenzokyokun, „Instructions for the Cook“, gesungen: „Wenn du Reis wäschst, wasch den Reis. Vergeude kein einziges Reiskorn. Behandle Lebensmittel wie dein Augenlicht. Bemüh dich aufrichtig und verpass deine Chance nicht, das Leiden zu verringern, anstatt es zu vermehren.“ Kochen wie es Edward Brown tut, ist lebendige Praxis, eine Aufforderung zur Achtsamkeit, sich wirklich in diesem Moment hier aufzuhalten und nicht weggetragen zu werden in Gedanken an die Vergangenheit oder an die Zukunft.

Edward Brown ist kein Heiliger. Sie zeigen kein abgehobenes Wesen, sondern einen Menschen, der mit sich auch immer wieder zu kämpfen hat.

DORIS DÖRRIE: Das fasziniert mich am Zen-Buddhismus: keine Konzepte zu haben und erst mal Dinge möglich zu machen, sich zu öffnen, und nicht die Dinge zu separieren in, die Küche und der Tempel, das Heilige und das Profane.

Es gibt eine wunderbare Szene, in der Edward Brown lacht und weint, von seinen Schwächen, seiner Ungeduld und Wut in der Küche erzählt, und von alten zerbeulten Teekannen spricht...

DORIS DÖRRIE: ... ja, sie trösten ihn. Edward zeigt sehr eindrucksvoll am Beispiel dieser Teekannen, wie wichtig es ist, seine Beulen herzuzeigen, seine Macken, seine Falten… Alles, was einen eher beschädigt aussehen lässt, schwach. Aber Schwäche zu zeigen, ist wichtig, um überhaupt in Kontakt mit anderen treten zu können. Denn wenn wir uns gegenseitig immer nur unsere perfekte Oberfläche zeigen, kommen wir uns nie wirklich nah.

Gehört das nicht auch zum Wesen der Kunst, sich angreifbar zu machen?

DORIS DÖRRIE: Für mich schon. Aber die Angst, verletzt zu werden, ausgegrenzt zu werden, nicht mehr dazuzugehören, wird immer größer, und deswegen versuchen wir, immer unangreifbarer zu erscheinen, immer glatter. In dem Moment, wo ich mich mit meinen Schwächen zeige, bin ich kritisierbar, und wir haben panische Angst, es nicht zu schaffen, den Anforderungen nicht zu genügen. Ich glaube, dass man in dem Moment, wo man die Klappe öffentlich aufmacht, auch etwas von sich herzeigen muss, auch bereit sein muss, etwas zu geben.

Ist das nicht auch heute der Unterschied zwischen Entertainment und Kunst?

DORIS DÖRRIE: Die Zeiten, in denen die perfekte Oberfläche verehrt wurde, wichtiger wurde als der Inhalt, waren immer Zeiten des kulturellen Niedergangs. Wir befinden uns gerade in dieser Zeit, in der alles, was glatt poliert ist, und alles, was keine Fehler, keine Schwächen hat, immer dem vorgezogen wird, das Macken hat. Das können wir kulturell interpretieren, aber das gilt auch fürs Gemüse. Natürlich nehmen wir lieber die komplett runde Tomate als die krumme verwachsene. In Wahrheit ist es jedoch das, was Beulen hat, meist das Interessantere. Ich erwarte von Kunst immer den persönlichen Ausdruck, eine eigenständige Interpretation der Welt. Das interessiert mich mehr als die Perfektion, denn sie ist oft unlebendig. Der buddhistische Lehrer Suzuki Roshi sagt, in der Natur gibt es nichts, was identisch ist. Alles hat seinen ihm ganz eigenen, besonderen Wert. Wir sind mit nichts vergleichbar. Aber wir versuchen gerade, immer gleicher zu werden: das gleiche Gewicht, gleiche Gesichtszüge, gleiche Handtaschen. Das ist Ausdruck großer Angst, dass man bestraft wird, wenn man eine Macke hat. Man ist schwach, wenn man nicht in diese perfekte Oberfläche passt.

Wie ist der Film formal gegliedert?

DORIS DÖRRIE: Wie die Workshops von Edward Brown, die sich in das Kochen in der Küche und in die Teachings unterteilen. In die Versammlungen im Zendo, wo sich alle treffen und wo Edward als Zen-Meister seine Interpretation der alten Lehren vermittelt.

Wo steht dieser Film innerhalb ihres Werkes, Sie setzen sich in ihren Büchern und Filmen immer wieder mit unserer Gegenwart auseinander…

DORIS DÖRRIE: ... das empfinde ich auch als die Arbeit des Künstlers...

...und Ihr Film ist amüsant, nie didaktisch, sondern voller Humor...

DORIS DÖRRIE: ... weil ich den erhobenen Zeigefinger selbst nicht verkrafte. Ich möchte sofort weg, wenn jemand mit mir didaktisch ist. Ich mag das nicht, wenn man mir sagt, wie ich leben, was ich essen soll. Aber womit man mich immer kriegt, ist mit Humor. Das war auch der Grund, warum ich Edward Brown mochte, weil er so voller Humor und so ambivalent ist. Er ist Zen-Priester, aber ganz und gar nicht heilig, und manchmal sogar ein Wüterich. Der Film ist ein Angebot, eine Inspiration, wie man auch leben kann: sich auf den Augenblick zu konzentrieren, präsent zu sein, das ist ein Rezept für Glück und das kann man ausprobieren...

Was bedeutet für Sie Glück?

DORIS DÖRRIE: Zen-buddhistisch geantwortet ist es, in diesem Moment wirklich vorhanden zu sein, diesen Moment auch wirklich wahrzunehmen, und ihn dann zum Guten verändern zu können. Ich kann beschließen, glücklich zu sein. Das ist eine Wahrnehmungsfrage. Wirklich in diesem Augenblick vorhanden zu sein, präsent zu sein und mich auch verbunden zu fühlen, das kann mich glücklich machen.

Warum machen Sie immer wieder Dokumentarfilme zwischen den Spielfilmen?

DORIS DÖRRIE: Weil es für mich immer wieder wichtig ist, die Fiktion mit der Realität abzugleichen. Ich liebe es, zuzuhören und zuzuschauen. Und Edward ist ein wirkliches Fundstück. Ein wahrer Zen-Entertainer und ein wahrer Künstler in der Küche.

Das Interview führte Kirsten Martins.

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